aus: Rokko´s Adventures #12
(erschienen im Dezember 2012)
Text: Dr. Nachtstrom
Illustration: van Deigo
Vergessen Sie Scully, Mulder oder gar Geisterjäger John Sinclair und Harry Dresden. Reisen Sie lieber mit Team Rokko in die Vergangenheit und ergründen Sie die Ursprünge der "Occult Detective Fiction". 30.09.2013
Rokko´s Adventures ist - so steht es im Impressum - eine "unabhängige, überparteiliche sowie übermenschliche Publikation" und "setzt sich mit Leben, Kunst, Musik und Literatur auseinander". Der EVOLVER präsentiert (mit freundlicher Genehmigung) in regelmäßigen Abständen ausgewählte Beiträge.
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Team Rokko schreckt wie immer vor nichts zurück und heftet sich an die Fersen einer viel zu wenig beachteten Genre-Figur: Ein Briefwechsel zwischen Doktor Nachtstrom und Melchior v.·. Wahnstein über den Werdegang des "Occult Detective". Aber lesen Sie selbst. Zum ersten Teil.
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Verehrter Herr v.·. Wahnstein!
Mit Bewunderung bemerke ich Ihre Fähigkeit, Zusammenhänge, spinnwebartigen Fäden gleich, quer durch die Historie zu knüpfen! Dafür muß ich Ihnen tiefen Respekt zollen. Thomas Carnacki hat mich ebenso eher wegen dem, was man aus dieser Figur noch hätte machen können, fasziniert. Man stelle sich nur vor, die Verbindung von Elektrizität und Spiritualität - nebenbei sowieso eines meiner allerliebsten Themen! Ich darf noch anfügen, daß die Fangemeinde dieses okkulten Detektivs bis heute dermaßen stark ist, daß noch immer apokryphe Werke herausgegeben werden (ich verweise in diesem Zusammenhang auf A. F. Kidds ausgezeichnete Kurzgeschichtensammlung No. 427 Cheyne Walk: Carnacki, the Untold Stories sowie eine von Andrew Cartmel verfaßte Novelle aus dem Jahr 2002 namens "Foreign Devils", in der Carnacki, man mag es kaum glauben, zusammen mit der britischen Fernseh-Legende Dr. Who ermittelt (in dessen "zweiter" Inkarnation).
Doch zurück zu unser Historie: Ich weiß von weiteren okkulten Detektiven jener Zeitspanne wie zum Beispiel Steve Harrison von "Conan"-Erfinder Robert E. Howard. Ich liebte Howard zwar in meiner Jugend, muß aber gestehen (und stehe da mit meiner Meinung eher alleine da), daß mich seine Stories grundsätzlich aufgrund ihrer Naivität und Oberflächlichkeit kaum mehr zu fesseln vermögen - seine Mitgliedschaft im sehr exklusiven Club der Brieffreunde von H. P. Lovecraft einmal ausgenommen. Ich will Sie nun aber auch keineswegs mit der Aufzählung weiterer okkulter Detektive aus dem Pulp-Umfeld zu langweilen beginnen, sondern Sie um Ihre Expertise betreffs zweier wirklich spannender und tiefgründiger Autoren/innen und ihrer fiktionalen Detektivfiguren bitten: Dion Fortune und Aleister Crowley. Es ist ja außer bei Spezialisten des Genres kaum bekannt, daß diese beiden so gegensätzlichen Integrationsfiguren damaliger magisch/spiritueller Geistesströmungen auch "banale" Short Stories schrieben, deren Hauptfiguren sich allerdings bei näherem Hinsehen sehr wohl als "Sprachrohr" der jeweiligen geistigen Intentionen ihrer Verfasser erwiesen. Ich würde mich freuen, zu diesem Thema mehr von Ihnen zu hören!
Ihr Dr. Nachtstrom
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Sehr geehrter Herr Dr. Nachtstrom,
zuviel der Ehre! Ich versuche lediglich, mir einen umfassenden Blick zu bewahren. Und dafür haben Sie ja schon zwei weitere, wirklich essentielle Schriftsteller genannt. Bevor die Occult Detectives mit Charakteren wie Steve Harrison oder - der Vollständigkeit halber seien sie erwähnt - Jules de Grandin von Seabury Quinn sowie John Thunstone von Manly Wade Wellman den Sprung von ihrer angestammten Heimat Großbritannien nach Amerika machten und ab Mitte der 20er Jahre in beliebten Pulp-Magazinen wie den legendären Weird Tales auftauchten, fügten zwei der wichtigsten englischen Magier ihren Reihen neue Charaktere hinzu.
Da war zunächst Simon Iff von Aleister Crowley. The Scrutinies of Simon Iff erschienen 1917 bis 1918 und war schlicht und ergreifend aus der Not heraus geboren; Crowleys extravaganter Lebensstil hatte ihn in beträchtliche finanzielle Schwierigkeiten gebracht. Er schrieb die Stories zwar unter dem Pseudonym Edward Kelly (wohl ein Verweis auf Edward Kelley, den Elisabethanischen Alchemisten und Mitarbeiter John Dees), konnte aber nicht umhin, ständig Referenzen auf sein eigenes Werk einzubauen. Iff zitiert etwa mit Vergnügen aus Crowleys Liber AL, um darauf die Argumentationskette aufzubauen, mit der er ein Verbrechen löst. Seine Fälle haben jedoch nichts Übernatürliches an sich, sondern erscheinen den unbedarften Figuren (wie auch dem Leser) zunächst nur so und wirken unlösbar. Erst durch die Erklärungen, zu denen sich Simon Iff gegen Ende der Geschichten herabläßt, klärt sich das Vergehen. Sie merken schon - ich mag ihn nicht besonders. Das liegt nicht nur an den mangelnden übersinnlichen Einflüssen in den Stories, sondern insbesondere an der "Onkel Aleister" eigenen Arroganz, die einem von jeder Seite herab geringschätzig entgegenblickt.
Beachtenswerter finde ich da schon den Mann, der dem Vernehmen nach Pate für Simon Iff stand: Charles Henry Allan Bennett, ein überaus fähiger Magier, wichtiger Lehrmeister Crowleys und einer der ersten Buddhisten überhaupt in England. Er überwarf sich allerdings recht früh mit seinem Schüler (dem ziemlich asketisch ausgerichteten Bennett waren Crowleys Eskapaden zuwider), und manche behaupten, daß Crowley ihm mit Simon Iff zumindest in literarischer Form noch nachträglich Respekt gezollt habe. Die literarische Komponente ist auch die mit Abstand bemerkenswerteste bei Simon Iff - Crowleys geradezu vor Eleganz triefender und überaus gelehrter Stil überragt, vielleicht mit Ausnahme Algernon Blackwoods, mühelos diejenigen seiner Kollegen. In seinem 1929 erschienenen Roman Moonchild gibt sich Simon Iff jedenfalls noch einmal die Ehre und steht an der Spitze der weißen Magier.
Dion Fortune (mit bürgerlichem Namen Violet Mary Firth) ist da in mehrfacher Hinsicht definitiv der weitaus bedeutendere Wurf gelungen. 1926 veröffentlichte sie mit The Secrets of Dr. Taverner eine Sammlung spannender Kurzgeschichten, die nicht nur abwechslungs- und kenntnisreich sind, sondern dem an okkulten Zusammenhängen interessierten und am Lesen zwischen den Zeilen versierten Bücherfreund darüber hinaus auch noch Einblicke in tatsächliche Begebenheiten vermitteln.
Aufgebaut sind die Stories nach einem bekannten Muster: Der Ich-Erzähler, ein Arzt, ist vom Krieg traumatisiert, kommt als Assistent zu einem ebenso exzentrischen wie genialen Spezialisten und schreibt deren gemeinsame Abenteuer nieder. Dion Fortune orientierte sich damit natürlich - und zwar bewußt - am bewährten Hintergrund der Geschichten um Sherlock Holmes. Dr. Taverner ist dem Aussehen nach jedoch eher dessen Erzfeind nachempfunden und zudem auch eine Verneigung vor Fortunes Mentor, einem irischen Freimaurer und Psychoanalytiker, der ausgerechnet den Namen Theodore Moriarty trug.
In den Geschichten begegnen dem Gespann Vampire, rivalisierende magische Orden, karmische Einflüsse, Feenvolk und astrale Bedrohungen. Dion Fortune schafft es nicht nur, die verhängnisvollen paranormalen Erlebnisse stimmig und nachvollziehbar zu schildern, sondern die Geschehnisse durch das Eingreifen Taverners zu einem schlüssigen und meist auch emotional befriedigenden Ende zu führen ... mehr als einmal schließt sie die Story mit einer Hochzeit ab. Typisch von einer Frau geschrieben, mag da mancher ausrufen - ja, und was für einer! entgegne ich dann bestimmt. Nicht nur, daß sie die einzige war, die sich damals in diesem Genre behauptete, sie war auch eine der ganz wenigen, die es wagten, dem in der magischen Szene übermächtigen Crowley öffentlich die Stirn zu bieten. So gegensätzlich Fortune und Crowley waren, so unterschiedlich agieren auch ihre jeweiligen Occult Detectives. Wo Iff sich trefflich über die menschlichen Unzulänglichkeiten amüsiert, stellt sich Taverner unermüdlich in den Dienst seiner Zeitgenossen und bildet dabei noch seinen Protegé aus, den Erzähler Dr. Rhodes. Dieser entwickelt sich so im Lauf der Abenteuer selbst vom vollkommen überforderten Neuling zum selbsttätig aktiven okkulten Ermittler.
Alles in allem gesehen, empfinde ich Dr. Taverner mithin als den ansprechendsten und auch für die heutige Zeit interessantesten unter den "klassischen" Occult Detectives, die sich, wie eingangs erwähnt, praktisch ausschließlich auf englischem Boden bewegen. Bei all dem Erfolg, den sie und ihre amerikanischen Mitstreiter bei der Leserschaft hatten, verwundert es umso mehr, weshalb die Occult Detective-Fiction dieser Epoche ein so ausgesprochen anglikanisches Phänomen ist und es damals etwa keinen deutschsprachigen Vertreter dieses Genres gab. Ein Gustav Meyrink oder Hanns Heinz Ewers etwa hätten ganz und gar das Format gehabt, einen deutschen Okkult-Detektiv zu erschaffen ... doch diese Lektüre ist vermutlich nur in der Bibliothek von Lucien in "The Dreaming" zu finden.
Mit der Absicht, mich heute nacht dorthin zurückzuziehen,
bin ich Ihr
Melchior v.·. Wahnstein
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Zur Fortsetzung.
aus: Rokko´s Adventures #12
(erschienen im Dezember 2012)
Text: Dr. Nachtstrom
Illustration: van Deigo
Es gibt nicht nur Puffs und Swingerclubs, sondern auch die freie Wildbahn: geheime Sexorte im öffentlichen Raum, wo man sich selbst aktiv betätigen oder als Voyeur in Erscheinung treten kann. Diese Plätze zu finden erfordert Zeit, Geduld - und im besten Fall Anstand. Rokko führte ein Gespräch mit einem, der den Wiener Dschungel schon seit Jahrzehnten durchkreuzt.
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Freddy Quinn, ein internationaler Star, der zu Journalisten ein distanziertes Verhältnis pflegt, sich mit seiner Kunstfigur von der Außenwelt abschottet, seine Frau öffentlich nur als "meine Managerin" siezte, ist im September 2016 ganze 85 Jahre alt geworden. Ein exklusives Fest mit einstelliger Gästelistenzahl im geheimen Szenelokal? Falsche Fährte. Gefeiert wird mit Liptauerbrot und Dosenbier in einem Gemeinschaftsraum im Wiener Wohnpark Alt-Erlaa, den das Pensionistenehepaar Brigitta und Eduard Klinger gestaltet.
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Wenn etwas weggeschmissen wird, heißt das nicht, daß es weg ist. Erst dann fängt nämlich ein interessanter Verwertungsprozeß an, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Diesen Vorgang wollte sich Team Rokko genauer ansehen.
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Kommentare_
"Nachtstrom und Wahnsinn" ist ein sehr hübscher Titel Chapeau! Verehrung, der Docteur