Nick Cave & The Bad Seeds - "We No Who U R”
Kolumnen_Miststück der Woche III/15
Nick Cave & The Bad Seeds: "We No Who U R”
Verkürzungen und komische Schreibweisen - auf gut deutsch könnte der Song vielleicht "Wir weiß wer du ist" oder so heißen. Oberschwurbel Nick Cave singt uns aber auf jeden Fall ein schönes Lied von Kontrolle, Verlustangst und Traurigkeit. So isser halt, der Nick - findet Manfred Prescher. 07.01.2013
Manche Dinge ändern sich einfach nie: Du wachst morgens auf - und noch bevor sich das Hirn einschaltet, singst du, daß du nur noch die Welt retten mußt oder daß Geld guat brenna tuat. Widerstand ist absolut zwecklos, das Miststück setzt sich in dir fest. Begleitet dich ins Bad, zum Frühstück und in den Job. Manchmal freust du dich, weil dir zufällig ein alter Bekannter durch die Denkmurmel stromert, manchmal ist es dir schlicht peinlich. Wer will schon gern über sieben Brücken gehen oder von Jürgen Drews in den Tag geleitet werden?
In dieser Kolumne geht es um hinterhältige und fiese Lieder, die sich in dir festsetzen.
Es war einmal vor langer Zeit ein Pärchen, das lebte fast wie im Märchen. Das heißt, sie konnten zueinander nicht kommen, weil zwischen ihnen unüberwindliche Gräben zu existieren schienen. Irgendwo zwischen den unendlichen Weiden des Allgäu und der südschwedischen Tiefebene saß jeder auf seiner Scholle, schaute in die Sterne und versuchte, dem anderen zu begegnen.
"Irgendwie schon komisch", dachte er. Wie kann einem jemand so nah sein, der eigentlich Lichtjahre entfernt auf seinem Smörrebröd-Heimatplaneten in einen ganz anderen Himmel schaut? Gibt´s dort auch das Sternbild des Kampfterriers? Oder nur das der Seegurke? In diesem Moment drängte sich ein sehr ruhiges, beinahe schon brutal leises Lied in seinen Gehörgang - und er sinnierte über den Text, den Nick Cave mit seiner klaren, verletzlich-harten Stimme dazu sang: "Tree don´t care what a little bird sings/We go down with the due in the morning light/The tree don´t know what the little bird brings/We go down with the due in the morning/And we breathe, in it/There is no need to forgive."
Er dachte daran, daß er genau das tun sollte - Hand in Hand mit ihr in den Glanz des Morgenlichts zu tauchen und so lange herumzulaufen, bis Vergebung, Verzeihung und Verletzung keine Rolle mehr spielen. Sondern nur noch das, was wirklich zählt: Schmerzensmann Cave, der uns schon weinende Frauen und Kinder (im "Weeping Song") präsentierte und Kylie Minogue in eine hübsche Reichswasserleiche verwandelte (in "Where The Wild Roses Grow"). Jener Cave, der uns biblische Geschichten wie die vom Lazarus erzählte und das wunderschöne "Into My Arms" sang ... Genau der bringt uns nun ein Lied, das davon spricht, wie wichtig es ist, andere Menschen zu kennen, zu begreifen und sich mit diesem Wissen einander zu nähern. Ort und Zeit spielen dabei seiner Meinung nach keine Rolle. Manchmal muß man einfach nur über den eigenen Schatten springen, auch wenn der praktisch von Sizilien bis zum Nordkap alles in düstere Schwärze zu tauchen droht. Ein altdeutscher Poet schrieb passenderweise einmal die klugen Worte: "Hinter dem Horizont geht es weiter, ein neuer Tag."
Aber wir sind ja im Märchen - und der mittlerweile auch schon 55jährige Australier Nick Cave erzählt gern Geschichten, die von Urmythen handeln. Der böse Wolf, die gute Fee, der Zauberer oder der Engel; es sind oft universelle Bilder, die er in seine Texte webt. In der Regel gehen seine Storys nicht gut aus, und an dem Punkt kreuzen sie sich mit der Realität. "And we know who you are/And we know where you live" kann zwar bedeuten, daß man den anderen versteht und weiß, an welchem Punkt im Leben er sich gerade aufhält. Aber selbst beim fahlsten Mondlicht, das über den Hohen Tauern aufgeht, ist erkennbar, daß sich diese kargen Zeilen auch anders deuten lassen. Wie in Teenager-Horror-Filmklamotten: "Wir wissen, was du letzten Sommer getan hast" - oder so.
Wer jetzt an das Stasi-Sondereinsatzkommando Bad Salzdetfurth oder an die grauen Herren des österreichischen Staatschutzes, Sektion Schruns-Tschagguns denkt, liegt nicht falsch. Wir wissen, wo du warst, mit wem und was du genau vor sieben Monaten am 27. um 15.34 Uhr mitteleuropäischer Zeit getrieben hast. Ob du das selber noch im Hirnkastl hast, ist brunzegal, der Strafe entgehst du eh nicht. Denn eines wissen wir Nick-Cave-Fans ohnehin genau: Nur Gott vergibt. Dem Menschen fehlt halt nicht erst seit den Zeiten des seligen Lazarus die Größe dazu. Soviel zum Thema "Der Mensch wurde nach Gottes Ebenbild gemacht." Eher sind die einfühlsameren unter uns nach Nick Caves Muster gestrickt. Und das ist gar nicht mal so schlecht. Denn wo man traurige Lieder singt, läßt man sich dann auch gern mal leidend nieder.
Nächste Woche wird es hier um ein sehr schönes, weil wohltuend positives Lied von einem Mann gehen, der nicht nur musikalisch ziemlich herumgevögelt hat. Aber uns Eichen ist ja wurscht, was das Vögelchen früher so getrieben hat. Jetzt jedenfalls ist er geläutert einen frischen Bund für die nächste Lebenszeit eingegangen. Zusammen mit seiner charmanten neuen Partnerin Binki Shapiro singt uns Adam Green nächste Woche das sehr zärtliche "Here I Am".
In diesem Sinne: Wo und wer auch immer ihr seid - die EVOLVER-Redaktion und euer Lieblingskolumnist haben euch auch 2013 lieb. Aber nur, wenn ihr uns nicht auf die Nerven geht.
Redaktioneller Hinweis: Lesen Sie auch Manfred Preschers E-Book für die Ewigkeit: Verdammtes Miststück! Die ersten 200 Pop-Kolumnen aus dem EVOLVER
Showdown mit dem Schöpfer
Nick Cave im EVOLVER-Interview 2008
Auf seinem aktuellen Album mit dem brachial-blasphemischen Titel "Dig, Lazarus, Dig!!!" rechnet der australische Barock–Voodoo-Blueser Nick Cave mit Gott und der Welt ab. Der EVOLVER hat den stimmgewaltigen und bibelfesten Poeten der Finsternis zu einem kurzen, aber launigen Gespräch gebeten.
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