Video_Blue Valentine
Liebe? Lieber nicht!
Ein junges Paar verliebt sich und heiratet überstürzt, als eine Schwangerschaft ins Haus steht. Einige Jahre später ist die Liebe dann weg. Eine Geschichte, die bereits Dutzende Male erzählt wurde - anscheinend jedoch nicht dem Regisseur Derek Cianfrance. Der schickte sich an, sie erneut zu verfilmen, was für das Publikum wenig Überraschungen bereithält.
07.12.2011
Zu Beginn von "Blue Valentine" sucht ein kleines Mädchen auf einer sonnendurchfluteten Wiese nach ihrem Hund. Immer wieder ruft sie seinen Namen, doch der Hund kommt nicht. Der Hund ist weg. Wenn man so will, ist das eine Metapher auf den Film selbst. In diesem verlieren zwei Menschen jemanden, den sie in Herz geschlossen haben und der auch auf eindringliches Rufen nicht zu ihnen zurückkehrt.
Eine gescheiterte Beziehung also. "Moment", wird sich jetzt der bzw. die ein oder andere denken, "das kenn ich doch von irgendwoher." Und in der Tat handelt es sich hierbei um eine 0815-Geschichte, die in der Historie des Kinos schon tausendmal erzählt wurde. Und tausendmal ist dasselbe passiert. Was es umso erschreckender macht, wieviel Arbeit in "Blue Valentine" geflossen ist.
Unglaubliche 12 Jahre seines Lebens hat Regisseur Derek Cianfrance in seine 67 Drehbuchfassungen gesteckt, um seine Liebesgeschichte letztlich dann doch von den Darstellern über weite Strecken improvisieren zu lassen. In der Gegenwart lernen wir Dean (Ryan Gosling) und Cindy (Michelle Williams) kennen, die Eltern des Mädchens vom Anfang. Beide sehen etwas fertig aus, und wie sich zeigt, sind sie es auch.
Immer wieder wirft der Film dann einen Blick in die Vergangenheit. Zeigt uns Dean als verspielten Romantiker, der in den Tag hinein lebt und stets ein Lächeln auf den Lippen trägt. Cindy hingegen präsentiert sich als spontanes Mädchen, dessen Mittelpunkt ihre Großmutter ist, während der Vater (John Doman) ein herrisches Arschloch abgibt.
Zufällig begegnen Dean und Cindy einander dann in einem Altenheim, wo sie ihre Großmutter besucht und er als Spediteur einem Rentner beim Umzug hilft. Und weil Cindys Freund (Mike Vogel) - mit dem phantastischen Namen "Bobby Ontario" - ebenfalls ein herrisches Arschloch ist, läßt sie sich schließlich auf Dean ein. Beide verlieben sich ineinander - aber ohne Happy End.
Denn in der Gegenwart ist aus dem verspielten Dean ein mit Geheimratsecken versehener Kettenraucher geworden. Mit Bart und Sonnenbrille genießt er es, morgens als Maler schon Bier trinken zu können, während Cindy ihn dafür kritisiert, daß er nicht sein volles Potential ausschöpft. "Lassen wir uns betrinken und miteinander vögeln", lautet daher Deans pragmatische Lösung nach einem Streit.
Aus dem Haus müße das Paar einmal, so Dean. Weg von dem einengenden Familienkäfig, stattdessen ein neuerliches Check-in ins Hotel Love. Verstärkt merkt vor allem Cindy, daß sich das Paar entfremdet hat. Zwar könne Dean so viel, will jedoch nicht. So charmant wie dessen Slacker-Haltung einst war, hilft sie wenig, wenn eine Tochter versorgt und ein Beruf ausgefüllt werden müssen.
"Ich hab die Schnauze voll", bricht es an einer Stelle aus Cindy heraus, was Dean vor den Kopf stößt. Bemerkenswerter ist aber eine Szene, in der Cindy im Supermarkt Bobby wiedertrifft und hinterher, als sie Dean davon erzählt, behauptet, dieser sei ein fetter Loser, um das Ego ihres Mannes nicht zu verletzen.
Das alles schaut man sich an, wohl wissend, wie es ausgehen wird. Man kennt es ja schon, sowohl aus dem Kino, als auch aus dem wahren Leben. Verliebt, verfremdet - für das Publikum in Zeiten, in denen in Österreich jede vierte Ehe zum Scheitern verurteilt ist, nichts Neues. Wieso Cianfrance für eine Geschichte, die das Kino jährlich mehrere Male auskotzt, 12 Jahre gebraucht hat, bleibt schleierhaft.
Die Bilder sind dabei fast durchweg in Blautönen gehalten. Blau, die Farbe, die sowohl Harmonie und Treue als auch Kälte und Passivität ausdrückt. Über fast zwei Stunden quälen sich Michelle Williams (für diese Rolle zum zweiten Mal oscarnominiert) und Ryan Gosling durch diese teilweise improvisierte Handlung, deren Figuren die Einzigen sind, die den Ausgang nicht kennen.
Zwar ist das solide gespielt - primär von Williams in ihrer bis zur Perfektion durchstudierten Art, verletzt und doch selbstbestimmt zu sein -, aber sonderlich originell ist es weder vom Inhalt, noch vom Inszenierungsstil her. Im Grunde ist "Blue Valentine" ein Film über jenen Teil des Lebens, den wir alle zu gut kennen, um ihn uns über 110 Minuten auf der Leinwand anzusehen.
"Die Zeit vergeht - die Liebe bleibt", lautet ein lateinisches Sprichwort, das nach Jahrhunderten in unserer heutigen Zeit kaum noch Bestand hat. So gesehen ist "Blue Valentine" vielleicht doch zu etwas Wertvollem geworden - dem aufschlußreichsten Date-Movie aller Zeiten.
Was die Blu-Ray angeht, ist das Bild weitestgehend scharf - bis auf wenige leicht grobkörnige Ausnahmen - und ebenso wie der Ton zufriedenstellend. Zu den Extras zählen ein typisches Making Of voller gegenseitiger Beweihräucherung, sowie gut 15 Minuten an unnützen, entfallenen Szenen (in teils grausiger Qualität). Einzig der Audiokommentar von Cianfrance und Co-Cutter Jim Helton ist halbwegs interessant, da er Einblicke in die improvisierten Szenen gibt.
Florian Lieb
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